Archive for the ‘Nachdenkliches, Ketzerisches, Nerviges’ Category:
Die Macht der „Eunuchen“
Irgendwann in „grauer Vorzeit“ habe ich eine Ausbildung als Quality Manager gemacht und dafür in Prüfungen sogar beeindruckende Diplome erworben. Ich habe mir vorgestellt, dass diese Ausbildung eine ideale Grundlage für meine weitere berufliche Entwicklung sein könnte. Es gab sogar Gespräche mit ein paar Firmen, wo ich mich als Qualitymanager oder Qualitätsbeauftragter bewarb.
Inzwischen weiss ich es besser. Quality Manager wäre kein Job für mich. In der Theorie ist die Arbeit unheimlich interessant. Man ist in der Lage aufgrund seines Wissens und harter Arbeit intensiv am Erfolg eines Unternehmens mitzuarbeiten.
In der Praxis sieht das Berufsbild leider oft anders aus. Gut ausgebildete Mitarbeiter, die oft sowohl über Methodenkompetenz wie auch über Fachkompetenz verfügen verzweifeln. Sie arbeiten mit den Mitarbeitern die Prozesse aus, dokumentieren sie, optimieren Sie in Diskussion mit den verschiedenen Anspruchsträgern, publizieren die Resultate und stellen dann fest, dass der Prozess so nicht umgesetzt wird, weil er in IT nicht abbildbar ist, oder einfach weil „man es schon immer anders gemacht hat“. Ein desillusionierter QM sagte mir einmal: „ich komme mir oft wie ein Eunuch vor. Ich weiss wie es geht, aber ich habe kein funktionnierendes Werkzeug um das Wissen auch umzusetzen.“
Heute gibt es längst entsprechende Werkzeuge die den ganzen Quality Circle (von Ist-Prozessaufname über Sollprozess-Evaulation zu automatisierter Prozessumsetzung und Prozessauswertung (-Monitoring) einen Quality Manager unterstützen.
Nach wie vor ist es wichtig, den Istprozess zu kennen und dokumentieren. Er bildet die Basis auf der Optimierung stattfinden kann und Fundament für jede weitere Auswertung in wiefern eine Optimierung auch Erfolgreich war. Darauf basiert eine Evaluation des Sollprozesses. Hier existieren zwei verschiedene Ansätze. Während die einen Firmen basierend auf Simulationstools arbeiten und aufgrund gemessener — und oft auch geschätzter — Zahlen einen optimierten Prozess darstellen gehen andere gleich in Medias Res und setzen zunächst mit einem geeigneten Tool den Istprozess um und evaluieren damit via BAM (Business Activity Monitoring) reale Ausführzeiten und Engpässe. Beide Ansätze haben Vor– und Nachteile…
Spätestend aber wenn ein Sollprozess gefunden wurde (ggf. auch vollkommen ohne Software-Unterstützung) kann nun Prozessumsetzung in Tools erfolgen. Es geht bei den meisten entsprechenden Softwareprodukte nicht darum bestehende Funktionalität, etwa aus ERP, CRM oder anderen Software-Applikationen nachzubilden. Ihr Ziel ist vielmehr, den Prozessablauf zu steuern und im Prozessablauf auf verschiedene Applikationen (und deren Funktionsweise) zuzugreifen. Typische Interaktionsmittel sind dabei Webservices, SOAP oder Datenbankzugriffe (ODBC/JDBC) aber auch die Nutzung von standardisierten Schnittstellenprogrammen, welche bestehende API´s in Ziel– und Quellapplikationen bedienen werden eingesetzt. Soweit die technische Umsetzung.
Wenn wir nun auf den Ausgangspunkt zurückkommen; die „Eunuchen“. Durch den Einsatz solcher Prozesssteuerungs-Tools (ich nenne sie absichtlich nicht Workflow-Tools weil sie eben durchaus mehr umfassen können — und sollten) bekommt der Eunuch nun ein Werkzeug mit denen die Resultate seiner Arbeit zur Realität werden. Interessant dabei ist natürlich, dass dies womöglich manche Qualitäts– und Prozessverantwortliche gar nicht wollen könnten, weil damit auch nachvollziehbar würde wie die Qualität ihrer eigenen Arbeit ist…
Um das klar zu sagen. Auch wenn Quality Management nicht mein Berufswunsch ist. Ich habe grosse Hochachtung vor jenen, welche diese Arbeit tun, vor allem jenen, welche sich den Enthusiasmus bewahrt haben und wirklich etwas positiv verändern wollen.
Die Kaffeemaschine mit Workflow — der Mixer mit BPM
Wieder einmal bin ich über die Seite eines Software-Anbieters gestolpert, der davon sprach, dass seine Software nun mit Workflow ausgestattet sei und somit eine BPM-Lösung darstelle.
Bitte Jungs — lasst die Kirche im Dorf!
Wenn ein DMS Dokumente durch die Firma jagt, dann ist das Dokumentenflow — auch wenn man unterstellen kann, dass jemand etwas an den Dokumenten bearbeiten könnte. Workflow meint, dass Arbeiten „durchs Haus flitzen“ — dass also Aufgaben zugewiesen werden und anschliessend an andere Beteiligte weitergeleitet werden, sei es an Personen zur weiteren Bearbeitung und oder Kontrolle, sei es an eine Maschine, die die Daten in ihrem System „einbaut“. Natürlich kann dabei auch ein Dokument eine Rolle spielen, aber wie eine Fussball keine Mondrakete ist (obwohl er sich bei geeignetem Antrieb auch ein Stück vom Erdboden erhebt) ist ein Dokumentenverteilsystem noch lange kein Workflow. Und es gibt durchaus Arbeiten die keine Dokumente brauchen…
Dann noch die Geschichte mit dem BPM. Das ist auch so eine Sache. Englische Abkürzung — also per se etwas exotisch. BPM — Business Process Management heisst zu Deutsch Geschäftsprozessmanagement. Es geht hier nicht darum, dass eine Software einen Prozess abbilden oder unterstützen kann. Das kann auch ein Texteditor. Es geht darum Geschäftsprozesse zu Managen und das heisst nach Deming dann eben, dass die ganze Übung als Kreislauf gesehen wird: Plan — Do — Check — Act — Plan — Do …
Mit anderen Worten, es geht darum Arbeiten nicht einfach zufällig zu machen, sondern um eine bewusste Ausrichtung einer Firma (und des Managements) auf eine Arbeitsweise nach der wichtige Arbeitsfolgen (Prozesse) zunächst untersucht und geplant werden — anschliessend ausgeführt — überwacht (für diejenigen welche zu viel Orwell gelesen haben „ge-monitort“) werden und wo dann aufgrund der daraus gewonnenen Erkenntnisse auch wiederum Aktivitäten ergriffen werden (das kann vom Einstellen zusätzlicher Mitarbeiter über Umverteilungen bis hin zu baulichen Massnahmen oder einfach der Anschaffung anderer Arbeitshilfsmittel oder von kleinen Veränderungen von Arbeitsabläufen gehen).
Wenn ein Softwaretool nun nur einen Punkt aus diesem Ablauf — zum Beispiel das „Do“ unterstützt, dann ist es genauso wenig ein BPM Tool wie ein Word oder Excel — und dasselbe gilt natürlich auch für die Anbieter von „Check“ — Tools — zum Beispiel „Cockpits“ oder „B.I. — Tools“. BPM — Software ist Software welche auf alle 4 Anforderungen eine passende Antwort parat hat.
Wo meiner Meinung nach die meisten BPM-Software-Produkte heute selbst noch kranken ist beim Bewusstsein, dass auch die BPM selbst wiederum ein Prozess ist. Liebe Anbieter: „Es müsste doch möglich sein, den Prozess des Geschäftsprozessmanagements von der Planung bis hin zum Monitoring, inklusive Change Management auch als Prozess zu begreifen und in Euren Produkten auch abzubilden“?
Ein überzeugender Ansatz dazu ist mir leider bislang noch nicht begegnet. Wer einen kennt: bitte melden!


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